Terézia Mora: Auf dem Seil

Mit „Auf dem Seil“ hat Terézia Mora den letzten Teil ihrer Trilogie rund um den eigenwilligen IT-Spezialisten Darius Kopp vorgelegt. Darin versucht sich der inzwischen verwitwete Eigenbrötler zunächst als Pizzabäcker in Sizilien – und findet sich schließlich in einer Art Zweck-WG mit seiner minderjährigen, schwangeren Nichte in Berlin wieder. In seiner früheren Heimatstadt wird Kopp dabei nicht nur bald von der eigenen Vergangenheit eingeholt, sondern auch mit der Frage nach der eigenen Zukunft konfrontiert. 

Drei Jahre sind vergangen, seit Darius Kopp seine Frau verloren und den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hat. Nachdem Mora ihren Protagonisten in „Das Ungeheuer“ auf eine mehrmonatige Reise durch Osteuropa geschickt hat, lässt sie ihn nun einen Neuanfang in Sizilien wagen. Weit weg von Berlin und seinem früheren Dasein als Netzwerkexperte, hält er sich in einer Stadt am Fuße des Ätnas als Pizzabäcker über Wasser. Als Untermieter eines deutschen Auswanderers lebt Kopp hier ein genügsames Leben ohne große Ambitionen und zwischenmenschliche Verpflichtungen.  Das ändert sich, als plötzlich eines Tages seine 17-jährige Nichte Lorelei vor ihm steht.

Völlig überrumpelt von ihrem unerwarteten Erscheinen, willigt Kopp ein, das Mädchen für einige Tage bei sich aufzunehmen. Als Kopp jedoch erfährt, dass seine minderjährige Nichte ein Kind erwartet, ist schnell klar: So bald werden sich ihre Wege nicht wieder trennen. Denn nicht genug damit, dass der Kindsvater längst über alle Berge ist und Lorelei die Schwangerschaft vor ihren eigenen Eltern geheim hält, leidet sie auch noch einer extremen Form von Schwangerschaftsübelkeit. Weil sie in diesem Zustand kaum für sich alleine sorgen kann, trifft Kopp kurzerhand die Entscheidung, sie zurück nach Berlin zu begleiten – wo er ohnehin noch ein paar persönliche Angelegenheiten zu regeln hat. Seinen Pass verlängern zum Beispiel. Herausfinden, was aus der Eigentumswohnung geworden ist, deren Raten er seit seinem plötzlichen Verschwinden aus Deutschland nicht mehr bedient hat. Und prüfen, was aus der – nicht ganz legal erworbenen – beträchtlichen Summe Bargeld geworden ist, die er hier in einem Bankschließfach zurückgelassen hat.

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Nur ein paar Tage – länger, so hofft Kopp, wird der spontane Ausflug in die Hauptstadt nicht dauern. Doch wie so oft in Kopps Leben, läuft auch diesmal nichts nach Plan. Die Freunde, mit denen Lorelei hier eigentlich eine WG gründen wollte, befinden sich selbst noch auf Abenteuerreise durch Europa und  verschieben das Datum ihrer Rückkehr immer weiter nach hinten. Also bleibt Kopp nichts anderes übrig, als gemeinsam mit seiner Nichte zu warten. So ziehen die beiden von einer billigen, vorübergehenden Unterkunft in die nächste, kommen mal in schäbigen Hotels, mal bei guten und weniger guten Bekannten oder in beengten Gästezimmern unter.

Zum Glück sind Kopp und Lorelei jedoch nicht völlig auf sich allein gestellt. Denn auch wenn einige Jahre vergangenen sind, seit Kopp sein altes Leben geradezu fluchtartig hinter sich gelassen hat – vergessen hat man ihn hier nicht. Und so gibt es dann auch ein Wiedersehen mit zahlreichen alten Bekannten. Mit den früheren Kollegen aus der IT-Branche, die inzwischen alle in mehr oder minder prekären Verhältnissen leben. Mit Juri, der einmal Kopps bester Freund gewesen ist, dann aber von ihm mit mehreren Tausend Euro Schulden sitzen gelassen wurde. Und auch mit der Mutter, der Kopp einen Kurzbesuch in seinem Geburtsort Maidkastell abstattet – und deren Anwesenheit ihn so sehr deprimiert wie eh und je.

Während er sich jedoch einerseits im Angesicht der bedrückenden Last alter und neuer (emotionaler und finanzieller) Verpflichtungen immer wieder nach seinem ruhigen und überschaubaren Leben in Italien zurücksehnt, beginnt er andererseits darüber nachzudenken, ob nicht – hier oder anderswo – vielleicht doch noch etwas anderes auf ihn wartet. Warum nicht wieder ins IT-Geschäft einsteigen? Warum nicht noch einmal richtig durchstarten? Ist es denn für einen Mann von fünfzig Jahren wirklich zu spät für einen beruflichen Neustart? So genau weiß Kopp das für sich auch nicht zu beantworten. Wie schon in den Vorgängerromanen, erweist sich Kopp auch in „Auf dem Seil“ erneut als widersprüchlicher Charakter, in dem sich Lethargie und Aktionismus auf eigentümlich Weise vermischen. So bewegt sich Moras Protagonist beständig zwischen Aufbruch und Aufgabe, changiert seine Stimmung zwischen: Alles-ist-noch-möglich und alles-ist-endgültig-verloren.

Dass es sich bei Kopp, der latent gequält wirkt, sich in Gegenwart anderer Menschen nie richtig wohlzufühlen scheint, nicht gerade um einen heiteren Zeitgenossen handelt, wird auch dieses Mal schnell klar. Dass er dabei jedoch mit seinem geradezu stoischen Blick nach vorn auch eine ganz eigene Art von Optimismus verbreitet, macht ihn zugleich zu einer durchaus sympathischen Figur. Dabei gelingt es Mora, die persönlichen Konflikte ihres Antihelden auf überaus anschauliche Weise zu vermitteln und ihren Lesern entsprechend nahe zu bringen. Während auf Handlungsebene im Grunde nicht viel Nennenswertes passiert, sind es so vor allem die Innenschauen in die Gedankenwelt des Protagonisten, seine Orientierungs- und Bilanzierungsversuche, seine Selbstzweifel und auch seine geheimen – weil ausschließlich innerlich ausgetragenen – Wutausbrüche und Schimpftiraden, die den Roman tragen.

Dass der Text dabei geradezu nahtlos an frühere Ereignisse aus Kopps Biografie anknüpft, erschwert allerdings zuweilen das Verständnis. Auch wenn „Auf dem Seil“ so mit der Episode rund um die schwangere Nichte eine eigenständige Geschichte entwirft, setzt das Erzählte an vielen Stellen eine Lektüre der ersten beiden Teile der Trilogie voraus. So greift der Roman zahlreiche frühere Handlungsstränge wieder auf – ohne die jeweiligen Zusammenhänge noch einmal genauer zu erläutern bzw. im Detail zu rekonstruieren. Ohne das Hintergrundwissen um das zuvor Geschehene, droht man sich als Leser in dem Gewirr von Andeutungen und Referenzen auf das Vergangene daher mitunter leicht zu verirren.

Tatsächlich ist es in „Auf dem Seil“ nicht nur der gealterte Kopp, der ein wenig an Bestform verloren hat, auch lassen sich dem Roman selbst im Vergleich mit den Vorgängertexten gewisse Ermüdungserscheinungen anmerken: So erscheinen die grotesken Elemente stärker zurückgenommen und der Roman insgesamt mit etwas weniger abgründigem Humor ausgestattet, als man es noch aus „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ gewohnt war. Wie es Mora jedoch auch hier zum wiederholten Male auf gekonnte Weise gelingt, ihre Leser für ihren gleichermaßen exzentrischen wie unbeholfenen Protagonisten einzunehmen, ist nach wie vor beeindruckend und bewundernswert. Für all jene, die Kopps eigentümlichen Charme bereits zu einem früheren Zeitpunkt erlegen sind, ist „Auf dem Seil“ fraglos ein literarisches Vergnügen – für alle anderen, eine gute Gelegenheit, ihn zu entdecken.

 

 

Terézia Mora: Auf dem Seil. Luchterhand 2019. 368 Seiten. 24 €.

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

In ihrem zweiten Roman „Gott wohnt im Wedding“ erzählt Regina Scheer die Geschichte eines hundert Jahre alten Berliner Mietshauses. Dabei taucht sie tief in die Familiengeschichten seiner Bewohner ein – und wendet sich vor allem auch den verschiedenen Entortungs- und Vertreibungserfahrungen zu, die deren Biografien prägen.

Tragische Geschichten und bewegte Schicksale sind es, die sich seit der Grundsteinlegung im Jahr 1890 hinter den Mauern des Mehrfamilienhauses in der Utrechter Straße abgespielt haben. Um diesen auf den Grund zu gehen, zeichnet Scheer nicht nur die Lebensläufe verschiedener Mieter nach, sondern lässt auch das Haus selbst zu Wort kommen, das mehr als bloßer Schauplatz sein will: „Die meisten denken, ein Haus sei nichts als Stein und Mörtel, totes Material. Aber sie vergessen, dass in meinen Wänden der Atem von all denen hängt, die hier gewohnt haben.“

Einer von ihnen ist Leo Lehmann. Geboren und aufgewachsen im Wedding, hat er den Großteil seines Lebens in Israel verbracht, wohin er – dessen gesamte jüdische Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde – Ende der 1940er Jahre ausgewandert ist. Als er im Alter von 94 Jahren wegen einer Erbschaftsangelegenheit erstmals zurück in seine Geburtsstadt kehrt, ist dies für ihn vor allem auch eine Reise in eine traumatische Vergangenheit. Während er durch die Berliner Straßen streift, werden die dunklen Erinnerungen an eine Zeit voller Bedrohungen wieder lebendig: Die antisemitischen Anfeindungen, denen er hier ausgesetzt war, seine Verpflichtung zur Zwangsarbeit, die Deportation seiner Eltern und die darauf folgenden Monate, die er gemeinsam mit seinem Freund Manfred als sogenanntes ,U-Boot‘ im Untergrund verbrachte.

9783328600169_CoverDas Haus im Wedding nimmt dabei in Leos Erinnerungen einen besonderen Platz ein: Hier fanden Leo und Manfred für einige Wochen Unterschlupf bei der gleichaltrigen Gertrud Romberg – bis Manfred schließlich in ihrer Wohnung von der Gestapo verhaftet wurde. Aber handelte es sich bei der hilfsbereiten jungen Frau wirklich um einen Nazi-Spitzel? Oder gibt es am Ende vielleicht mehr als die eine Wahrheit, die Leo zu kennen glaubt?

Als Leo Jahrzehnte später wieder vor eben jenem schicksalhaften Gebäude steht, ahnt er noch nicht, dass das Schicksal ihn und Gertrud ein zweites Mal zusammenführen wird. Tatsächlich hat die betagte Seniorin das Haus ihrer Kindheit nie verlassen und wohnt noch immer in den gleichen vier Wänden. Dass sie ihr gesamtes Leben an einem Ort verbracht hat, macht sie dabei unter den Mietern zu einer echten Ausnahmeerscheinung. Weit entfernt von einem sesshaften Leben sind es Flucht, Vertreibung und Migration, die die Biografien der restlichen Bewohner prägen, die überwiegend aus Osteuropa stammen und nun im Wedding – wenn auch unter zum Teil prekären Umständen – ein Dach über dem Kopf gefunden haben.

Zu ihnen zählt auch Laila Fiedler, eine Sintiza, die zu Beginn der 1990er Jahre gemeinsam mit der Mutter als sogenannte Spätaussiedlerin von Polen nach Berlin kam. Mit Deutschland ist Laila dabei seit je her auf ambivalente Weise verbunden: Auch ihre Großeltern haben einst hier gelebt, bis sie von den Nazis ins KZ Auschwitz deportiert wurden. Mit den Einblicken in Lailas weitverzweigte, von mehrfachen Gewalterfahrungen geprägte Familiengeschichte, wendet sich Scheer dabei einem von der Literatur bisher noch kaum bearbeitetem Thema zu: Über die sich kreuzenden Lebenswege von Leo und Laila stellt sie so eine Verbindung her zwischen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus und der – in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Terror lange nur am Rande thematisierten –Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich. Ein ambitioniertes Anliegen, das allein bereits genug Stoff für einen vielschichtigen Roman geliefert hätte.

Doch damit nicht genug, versammelt „Gott wohnt im Wedding“ eine ganze Fülle weiterer Themen, die mit den Lebensgeschichten und alltäglichen Erfahrungen der Protagonisten verknüpft sind. So setzt sich der Roman mit Erinnerungskultur und öffentlichem Gedenken ebenso kritisch auseinander wie mit der Frage, wer in der Öffentlichkeit als legitimer Sprecher und Vertreter einer (Opfer-)Gruppe auftreten kann und darf. Er thematisiert die oft Jahrzehnte währenden Erbschaftsprozesse um enteigneten jüdischen Besitz und die Rückübertragung von Grundstücken, erzählt von traumatischen Erfahrungen und verdrängten Erinnerungen und jahrelangem Schweigen. Er widmet sich Generationenkonflikten in unterschiedlichen historischen Konstellationen, beschäftigt sich mit familiären Wurzeln und Wahlverwandtschaften. Er liefert Innenansichten aus dem Leben im Kibbuz und beschäftigt sich zugleich mit dem nachbarschaftlichen Miteinander in einem großstädtischen Mehrfamilienhaus und schließlich – wie könnte es in einem Berlin-Roman der Gegenwart anders sein – darf am Ende auch das Thema Gentrifizierung nicht fehlen. Das ist, so interessant und von aktueller Relevanz die einzelnen Aspekte auch sein mögen, viel für einen Roman – in diesem Fall vielleicht ein wenig zu viel.

Etwas inkonsistent erscheinen zudem auch die Figuren, von denen es im Roman ebenfalls reichlich gibt. Während der Roman hier einerseits mit den historisch erkenntnisreichen Passagen rund um Laila und Leo zu überzeugen weiß, präsentieren sich andere Charaktere – wie etwa die Gertrud-Figur, die ein wenig zu bemüht das Bild der netten alten Dame von nebenan bedient – zu eindimensional, um als wirklich glaubwürdig wahrgenommen zu werden. Dass zudem die finale Begegnung zwischen Gertrud und Leo, auf die die Handlung über weite Strecken zuläuft, am Ende inmitten der Vielzahl an Handlungssträngen geradezu untergeht, wirkt zumindest irritierend.

Aller inhaltlichen Überfrachtung zum Trotz, hat Scheer mit „Gott wohnt im Wedding“ dennoch insgesamt nicht nur ein durchaus anschauliches Panorama gegenwärtiger Lebenswelten und Konfliktlagen vorgelegt. Anerkennung verdient hier auch ihr Versuch, insbesondere mit dem Fokus auf die Geschichte(n) der in Deutschland lebenden Sinti und Roma eine Leerstelle in den literarischen Verhandlungen deutscher Vergangenheit und Gegenwart zu füllen.

 

 

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding. Penguin Verlag 2019. 416 Seiten. 24 Euro.

 

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise

In „Winterbergs letzte Reise“ begeben sich zwei Männer auf eine Zugfahrt in die Vergangenheit. Zwischen Berlin und Sarajevo spüren sie dabei nicht nur den Wendepunkten ihrer eigenen Biografie nach, sondern auch der bewegten europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. 

Als Sterbebegleiter Jan Kraus den Auftrag erhält, den todkranken Wenzel Winterberg auf seiner ,letzten Überfahrt‘ zu begleiten, ahnt er noch nicht, dass die gemeinsame Reise dieses Mal völlig aus dem Ruder laufen wird. Das fängt damit an, dass der bereits im Sterben liegende Winterberg dem Tod im letzten Moment doch noch einmal von der Schippe springt – und geht damit weiter, dass sich Kraus kurz darauf auf einer irrwitzigen Zugfahrt wiederfindet, die ihn – im Schlepptau des 99-jährigen Winterberg – kreuz und quer durch Mitteleuropa führt.

9783630875958_CoverWas sich zunächst noch den Anschein eines kurzweiligen Roadtrips gibt, entwickelt sich für Kraus allerdings schon bald zur Tortur. Schuld daran ist vor allem die fast manische Geschichtsversessenheit seines Begleiters: So überkommen Winterberg in regelmäßigen Abständen sogenannte „historische Anfälle“, in denen er Kraus und alle weiteren zufälligen Mitpassagiere mit stundenlangen Monologen zu Ereignissen und Schauplätzen der europäischen Geschichte regelrecht malträtiert. Als eine schier unerschöpfliche Quelle mehr oder weniger faszinierender historischer Details erweist sich dabei ein Baedeker Reiseführer für Österreich-Ungarn aus dem Jahr 1913, der für Winterberg einen unverzichtbaren Ratgeber in allen Lebenslagen darstellt – und dessen Inhalt er längst auswendig hersagen kann. So weiß Winterberg dann auch nicht nur einiges über die Schlachten von Königgrätz oder Austerlitz zu berichten, sondern versorgt seine Zuhörer auch bereitwillig und ausführlich mit eher abseitigen soziohistorischen Fakten aus der Habsburger Monarchie: Über das Porto für Briefe, Einschreiben und Postkarten innerhalb Österreich-Ungarns referiert er dabei ebenso eifrig wie über die Tarife für die Österreichischen Staatsbahnen oder die vor über einhundert Jahren gängigen Trinkgeldempfehlungen. 

Das erfordert nicht nur Kraus einiges an Geduld ab, sondern auch dem Leser: Denn während sich der Roman in seinen besten Passagen als eine Art humorvolles literarisches Kammerspiel im Zugabteil präsentiert, führt die nicht enden wollende Flut an geschichtlichen Informationen und Anekdoten bei der Lektüre schon recht bald zu ersten Ermüdungserscheinungen. Darüber hinaus drohen auch die Protagonisten selbst in dem übervollen historischen Panorama verloren zu gehen. So scheinen die Einblicke in die persönlichen Tragödien der beiden Hauptfiguren – etwa die traumatischen Kriegserfahrungen Winterbergs, die dramatischen Umstände, unter denen Kraus einst aus Tschechien floh, oder der Verlust der einzig wahren Liebe, den beide zu betrauern haben – häufig nur als bloßes Bindeglied zwischen zwei geschichtlichen Erörterungen zu dienen.

Zudem ist Rudiš zwar einerseits unverkennbar darum bemüht, Winterberg mit seiner bewegten Biografie als eine Art mahnenden Zeitzeugen der Verwerfungen des 20. Jahrhunderts – d.h. insbesondere den Folgen eines entfesselten Nationalismus – auftreten zu lassen. Zugleich bedient die Figur aber leider all zu häufig auch das hinlänglich bekannte Klischee des verschrobenen, leicht verrückten aber auf eigenwillige Weise liebenswerten Alten – und verspielt so gewissermaßen auch ihre Chance, in der Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Problemkonstellationen als gewichtige Stimme wahrgenommen zu werden, die wirklich etwas zu sagen hat. Eher unnahbar bleibt insgesamt auch Ich-Erzähler Kraus, der – sozusagen als Kontrastprogramm zu Winterbergs Dauerlamento – seine eigene, nicht minder bemerkenswerte Lebensgeschichte lediglich bruchstückhaft und in Andeutungen skizziert. Die bewusst zögerliche ,Enthüllungstaktik‘, auf die der Text in diesem Zusammenhang zurückgreift, steht dabei geradezu exemplarisch für die eher schleppende Dynamik, die den gesamten Roman kennzeichnet. Nach mehr als fünfhundert Seiten lässt dieser einen so vor allem mit dem Eindruck zurück, dass sich in „Winterbergs letzte Reise“ am Ende zu vieles zu sehr in die Länge zieht, als dass die – in ihrer Grundidee durchaus vielversprechende – Geschichte über Geschichte richtig in Schwung kommen könnte.

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise. Luchterhand 2019. 544 Seiten. 24 €.

 

 

 

Saša Stanišić: Herkunft

In Herkunft wendet sich Saša Stanišić den Schauplätzen der eigenen Biografie zu. Auf seiner literarischen Spurensuche – die von Višegrad über Heidelberg nach Hamburg und wieder zurück führt – fragt er jedoch nicht nur nach dem Einfluss der Orte auf die eigene Identität. Mit seinen Erzählungen von Krieg, Flucht und Neuanfang führt er zudem eindrücklich vor, warum es längst an der Zeit ist, Begriffe wie Heimat und Zugehörigkeit aus ihrer nationalen Fixierung zu lösen. 

Die Geschichte, die Stanišić in Herkunft erzählt, findet ihren Anfang im Sommer 2009. Gemeinsam mit seiner Großmutter reist er in diesem Jahr in ein abgeschiedenes bosnisches Bergdorf namens Oskuruša, dem Geburtsort seines Großvaters.  Der Besuch am Grab seiner Vorfahren, die Gespräche mit den wenigen verbliebenen Einwohnern des aussterbenden Dorfes, all dies bildet den Ausgangspunkt für ein sehr persönliches „Selbstporträt mit Ahnen“. Mit seinem episodenartigen Erzählstil,  dem beständigen Hin- und Herspringen zwischen Zeiten und Orten, präsentiert sich der autobiografische Text dabei als eine Art literarisches Erinnerungsmosaik, das sich aus den Lebensläufen dreier Generationen zusammensetzt.

Um die Rekonstruktion einer Familiengeschichte im klassischen Sinne geht es Stanišić dabei jedoch eher am Rande. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Suche nach der eigenen Position in einem spezifischen Gefüge von Menschen und Orten – oder kurz gesagt die Frage: Was hat das eigentlich alles mit mir zu tun? Denn während für die bis dato unbekannten Verwandten in Oskuruša feststeht, dass der inzwischen in Deutschland lebende Autor selbstverständlich ,einer von hier‘ ist, bleibt Stanišić selbst deutlich skeptischer gegenüber allzu einfachen Herkunftsdefinitionen. So wird seine ebenso persönliche wie poetische Annäherung an die Vergangenheit vor allem auch von grundlegenden Zweifeln begleitet: Lässt sich – aus der Perspektive des Jahres 2018 – überhaupt bedenkenlos über Heimat und Abstammung nachdenken, ohne damit jene Politik der Ausgrenzung fortzuschreiben, die ja gerade diese Begriffe zu ihren zentralen Schlagworten erhoben hat? Es ist nicht zuletzt diese Frage, auf die Stanišić mit seinen schlaglichtartigen Einblicken in die eigene Biografie, aber auch die Lebensgeschichten seiner Eltern und Großeltern, eine Antwort zu geben versucht.

9783630874739_CoverDabei greift er erneut Themen auf, die bereits Eingang in seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) fanden. So erzählt er von seiner Kindheit in Jugoslawien, von den ersten Vorboten des Krieges und schließlich auch dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaats. Davon, wie er zu Beginn der 1990er Jahre mit der Mutter vor der eskalierenden Gewalt nach Deutschland flüchtet und Schritt für Schritt nicht nur in einem fremden Land, sondern auch einer fremden Sprache Fuß fasst. Wie er noch als Schüler erste Schreibversuche unternimmt und schließlich durch die Tätigkeit als Schriftsteller eine Aufenthaltserlaubnis und damit auch eine dauerhafte Bleibeperspektive in Deutschland erschreibt. Doch die Anekdoten vom Ankommen, von  Selbstbehauptung und erfolgreichen Neuanfängen, markieren nur die eine Seite einer Geschichte, zu der auch gehört, dass eine Familie infolge des Krieges auseinandergerissen und über verschiedene Länder und Kontinente zerstreut wird. Dass eine Rückkehr in die frühere Heimat unmöglich geworden ist. Nicht nur, weil das Land, in dem man geboren ist, nicht mehr existiert, sondern auch, weil die einst vertrauten Orte zu Schauplätzen der Gewalt geworden sind. Weil die persönlichen Erinnerungen überlagert werden von dem Wissen um die hier vollzogenen Gräueltaten.

Dass sich Stanišićs  Auseinandersetzung mit Identität und Zugehörigkeit vor diesem Hintergrund kaum mit nationalen Begriffen erfassen lässt, wird dabei schnell deutlich. Etwa dann, wenn er Herkunft als etwas beschreibt, das – mit der Großmutter in Bosnien, der Mutter in Kroatien und dem Sohn in Hamburg – stets an mehreren Orten zugleich stattfindet. Oder dann, wenn er – frei von jeglichem „Zugehörigkeitskitsch“ – einer Heidelberger ARAL-Tankstelle eine mindestens ebenso identitätsstiftende Wirkung wie dem eigenen Geburtsort zuschreibt. Vor allem aber und besonders eindrücklich auch dann, wenn er an die ,unerhörte Selbstverständlichkeit‘ erinnert, mit der in den 1990er Jahren überall in Jugoslawien plötzlich die Rassisten aufmarschierten. Wenn er mit seiner Warnung vor dem „zersetzenden Potenzial der Nationalismen“ eine Brücke in die Gegenwart des Jahres 2018 schlägt. Einer Zeit also, in der Grenzen, die er selbst noch überschreiten konnte, längst unüberwindbar geworden sind, die AfD Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich erzielt und in Chemnitz ein „Hitler-Gruß […] über der Gegenwart“ hängt.  

So sehr Stanišić dabei einerseits als Chronist des Gegenwärtigen und  Vergangenen in Erscheinung tritt, widmet er sich zugleich insbesondere auch der Unaufhaltsamkeit des Verschwindens und Vergessens. So lässt sich Herkunft vor allem auch als ein Abschiedsbuch lesen, ein Buch, das sich nicht nur mit verschiedenen Aspekten des Heimatverlustes beschäftigt, sondern auf einfühlsame Weise auch davon berichtet, wie sich die Großmutter nach und nach in der Demenz verliert. Wie schon in vorausgegangenen Texten liegen dabei Fakt und Fiktion, Erinnern und Erfinden stets eng beieinander. Spätestens wenn der Leser die Großmutter des Autors aus einem Altenheim befreien oder auf Drachenjagd begleiten und auf diese Weise selbst am Ende der Geschichte mitwirken darf, tritt zum wiederholten Male jene unbändige Freude am Fabulieren zutage, die Stanišić zu seinem literarischen Markenzeichen gemacht hat. So besticht Herkunft letztlich nicht nur als kluger zeitpolitischer Kommentar, sondern vor allem auch als ebenso kunstfertiges wie kreatives Spiel mit der Sprache und den Mitteln und Möglichkeiten der Literatur.

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand 2019. 360 Seiten. 22 €.

 

 

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten

In ihrem autobiografischen Lebensbericht „Nichts, um sein Haupt zu betten“ legt die jüdische Buchhändlerin Françoise Frenkel – die zu Beginn der 1920er Jahre die erste französische Buchhandlung in Berlin eröffnete – ein eindringliches Zeugnis von ihren Jahren auf der Flucht vor den Nationalsozialisten und ihrem Alltag im französischen Exil ab. Die Neuauflage macht den Text, der bereits 1945 in einem kleinen Schweizer Verlag erschien, nun erstmals auch einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich.

Frenkels Lebensbericht liest sich dabei zunächst vor allem auch als Biografie einer Bibliophilen. Schon im Kindesalter zeigt sich Frenkel, 1889 unter dem Namen Frymeta Idesa Frenkel im polnischen Lodz geboren, von der Welt der Bücher fasziniert. Als junge Frau nimmt sie ein Literaturstudium in Frankreich auf, macht ein Praktikum bei einem Pariser Buchhändler und entdeckt schließlich ihre „Berufung zur Buchhändlerin“. Eher zufällig verschlägt es sie dann zu Beginn der 1920er Jahre nach Berlin. Als sie bei einem Besuch der deutschen Hauptstadt feststellt, dass hier kaum französische Literatur vertrieben wird, beschließt sie, diese Marktlücke mit einem eigenen Geschäft zu schließen. Obwohl ihr von mehreren Seiten ausdrücklich von diesem Wagnis abgeraten wird – das politische Klima der Zwischenkriegszeit ist ihrem Vorhaben schließlich nicht gerade zuträglich – lässt Frenkel sich nicht beirren und eröffnet im Jahr 1920 die erste französische Buchhandlung Berlins. Der Erfolg gibt ihr Recht: Das Geschäft mit der fremdsprachigen Literatur floriert, Frenkels Kundenstamm wächst beständig.

„1921! In dieser brodelnden Zeit wurden die internationalen Beziehungen und auch der intellektuelle Austausch wiederaufgenommen. Allmählich erschien die deutsche Elite, anfangs sehr vorsichtig, an dieser neuen Zufluchtsstätte des französischen Buches. Dann kamen die Deutschen immer zahlreicher: Philologen, Professoren, Studenten und die Vertreter jener Aristokratie, deren Bildung stark beeinflusst war von der französischen Kultur“.

Unbeschwert genießen kann Frenkel ihren Erfolg jedoch nicht, spürt sie doch bereits die Bedrohung, die von den heraufziehenden politischen Konflikten ausgeht. Mit ernsthaften Schwierigkeiten sieht sich die Buchhändlerin dann ab 1935 konfrontiert. Die sogenannte „Devisenfrage“, die Frenkel dazu zwingt mit ständig neuen Anträgen und Empfehlungsschreiben die Notwendigkeit ihrer Einfuhren zu belegen, erschwert ihr die Arbeit erheblich. Zudem erhält Frenkel jetzt immer öfter unangemeldeten Besuch der Polizei, die in ihrem Laden nach Titeln sogenannter ,verbotener‘ Autoren sucht.

9783442716081_CoverMit dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze wird schließlich auch Frenkels „persönliche Lage sehr heikel“.  Zwar schützen ihre guten Beziehungen zu den französischen Verlagen und Institutionen sie zunächst noch vor öffentlichen Angriffen – doch ahnt sie bereits, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein wird. Als im Jahr 1938 auch ihr Geschäft zur Zielscheibe der Novemberpogrome wird, angesichts der politischen Situation weder ein Verkauf noch eine Verlegung des Unternehmens möglich erscheint, sieht sich Frenkel gezwungen, die Pforten ihrer geliebten Buchhandlung für immer zu schließen.

„Schließlich musste ich mich den Tatsachen beugen, die Buchhandlung war fortan in Deutschland überflüssig und fehl am Platz“.

Ohne Ersparnisse und mit leichtem Gepäck flüchtet sich Frenkel im August 1939 schließlich ins Pariser Exil. Doch dies ist erst der Anfang einer regelrechten Odyssee. Ob Avignon, Vichy oder Nizza: Aufgrund permanent wechselnder Bedrohungslagen kann Frenkel nirgendwo dauerhaft bleiben. Ständige Wohnortswechsel bestimmen fortan ebenso ihren Alltag wie das quälende „Nichtstun“ und das bange Warten auf die so dringend benötigten Visa, Aufenthaltsgenehmigungen und Passierscheine.

Als es im Sommer 1942 zu ersten Deportationen jüdischer Ausländer kommt, spitzt sich die Situation dramatisch zu. Mi Hilfe eines befreundeten Ehepaars führt Frenkel fortan ein Leben im Geheimen, zieht von Versteck zu Versteck, immer in Angst, entdeckt und ins Lager geschickt zu werden. Dass es Frenkel wiederholt gelingt diesem Schicksal zu entgehen, ist vor allem der Zivilcourage einer Reihe von selbstlosen Unterstützern zu verdanken, die – unter Einsatz ihres Lebens – bereit sind der Verfolgten zu helfen. Es sind diese „Menschen guten Willens, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende“, denen Frenkel schließlich auch ihre Aufzeichnungen widmet.

Zugleich rücken in ihrem Bericht aber auch jene Zeitgenossen in den Blick, die versuchen, aus dem Elend der Geflüchteten Profit zu schlagen. Denunzianten, Verräter, Erpresser – auch ihnen begegnet Frenkel auf ihrer Flucht zuhauf. Als besonders einträgliches Geschäft erweist sich zu dieser Zeit die Tätigkeit der Schleuser, deren Dienste auch Frenkel mehrfach in Anspruch nehmen muss. Erst im dritten Anlauf gelingt ihr – nach einer Verhaftung und einem Gefängnisaufenthalt – im Sommer 1943 schließlich im Alter von 54 Jahren endlich die Flucht in die rettende Schweiz.

Während ihre eigenen Aufzeichnungen an dieser Stelle enden, rundet das angehängte Dossier – das auch Zeittafeln und Abbildungen von Originaldokumenten enthält – den Lebensbericht Frenkels mit weiterführenden biografischen Angaben ab. Interessant erscheinen in diesem Zusammenhang insbesondere die Auszüge aus Frenkels Entschädigungsverfahren, das auf paradoxe Weise den mühseligen Kampf mit den bürokratischen Instanzen fortsetzt, dem Frenkel bereits in ihrem französischen Exil ausgesetzt war.

Auch wenn es sich bei Frenkels „Nichts, um sein Haupt zu betten“ nicht um einen Roman im eigentlichen Sinne handelt, so liest er sich doch als eindrückliches literarisches Zeugnis, das seinen Lesern – insbesondere durch die detaillierten Einblicke in die alltäglichen Herausforderungen und Sorgen des Exils – auf sehr unmittelbare Weise die Geschichte einer Vertreibung mit all ihren Schrecken vor Augen stellt.

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten. btb 2018. 288 Seiten. 10€.

Viet Thanh Nguyen: Die Geflüchteten

Mit seinem Erzählband „Die Geflüchteten“ nimmt Viet Thanh Nguyen den Alltag vietnamesischer Exilanten im Amerika der 1970er und 80er Jahre ins Visier. Einfühlsam aber dennoch humorvoll berichtet er dabei aus ganz unterschiedlichen Perspektiven von Neuanfängen im langen Schatten der Vergangenheit. 

Im Mittelpunkt der acht Erzählungen stehen dabei Figuren, die selbst als Kinder aus Vietnam geflüchtet sind oder aber als Nachkommen der Geflüchteten immer wieder auf verschiedene Weise mit den Verlusten und Traumata ihrer Eltern konfrontiert werden.

Nicht überall sind die Geister der Vergangenheit dabei so greifbar wie in der Geschichte „Schwarzäugige Frauen“, die den Auftakt des Bandes bildet. Darin erhält eine Frau unerwarteten Besuch von ihrem vor Jahrzehnten ertrunkenen Bruder – und durchlebt in einem Gespräch mit dem Verstorbenen noch einmal jene grausamen Ereignisse ihrer gemeinsamen Flucht, über die die Überlebenden nicht zu sprechen wagen. Die Heimsuchung durch das Vergangene bildet dabei ein wiederkehrendes Thema des Erzählbandes – wobei es nicht immer die Toten sind, die Unruhe stiften. In der Geschichte „Kriegsjahre“ ist es so etwa eine resolute Spendensammlerin im Dienst der vietnamesischen Revolution, die für Aufregung in der Exilgemeinde und vor allem auch dafür sorgt, dass der Krieg in der ,neuen Heimat‘ nicht in Vergessenheit gerät.

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Ausführlicher als die politischen, geraten bei Nguyen jedoch die privaten Verhältnisse seiner Protagonisten in den Blick. Oft sind es hier komplizierte – von gegenseitigem Unverständnis geprägte – Eltern-Kind-Beziehungen, von denen er erzählt. Wenn die Erwartungen der Älteren sich dabei als unvereinbar mit den Sehnsüchten und Wünschen der Jüngeren erweisen, vermischen sich nicht selten typische Generations- mit eher kulturellen Konflikten.

Dass Nguyen trotz der Schwere der Themen mit seinen Geschichten nie in Betroffenheitsliteratur abzudriften droht, ist nicht zuletzt seinem besonderen Gespür für skurrile Details und unerwartete Wendungen geschuldet. Ihren eigenwilligen Charme verdanken die Erzählungen in „Die Geflüchteten“ zudem auch ihren überwiegend tragisch-komischen Charakteren. Da ist etwa der Vater, der – nachdem seine erste Frau mit den gemeinsamen Kindern nach Amerika geflüchtet ist –  „seinen zweiten Satz Kinder nach dem ersten“ benennt und so eine Art vietnamesische Kopie der eigenen Familie erschafft. Oder die junge Lehrerin, die – sehr zur Überraschung ihrer japanischen Mutter und ihres afroamerikanischen Vaters – ihre „vietnamesische Seele“ entdeckt und versucht, mit guten Taten die Kriegsschuld ihres Vaters zu sühnen.

Kennzeichnend für Nguyens Erzählungen ist dabei auch, dass sie am Ende keine einfachen Lösungen für die geschilderten Konflikte bereithalten: So enden die Geschichten in vielen Fällen nahezu abrupt, bleiben die Figuren wütend, desillusioniert oder orientierungslos zurück. Es ist, als scheue der Autor hier geradezu – angesichts all ihrer Unwägbarkeiten – den optimistischen Blick in eine allzu ferne Zukunft.

Insgesamt bietet Nguyen mit seinen ungewöhnlichen Alltagsbeobachtungen und seiner spezifischen Perspektive auf das Zusammenleben von erster und zweiter Einwanderergeneration einen innovativen Beitrag zur gegenwärtigen Auseinandersetzung mit Themen wie Flucht, Migration und Exil. Dass es die sprachliche Umsetzung dabei zuweilen etwas an Feinheit vermissen lässt, erscheint dabei durchaus verzeihbar.

Viet Thanh Nguyen: Die Geflüchteten. Blessing Verlag 2018. 224 Seiten. 22 €.

Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles

In seinem bildgewaltigen Debüt beleuchtet Gabriel Tallent detailliert die Abgründe einer toxischen Vater-Tochter-Beziehung. Vor dem Panorama der nordkalifornischen Gebirgslandschaft erzählt er verstörend schonungslos von Inzest, Gewalt und falsch verstandener Liebe. 

Ein heruntergekommenes Haus in den Bergen Nordkaliforniens. Die Wände sind von Einschusslöchern übersät, in der Küche nagen Ratten am schmutzigen Geschirr. Dies ist das Zuhause der vierzehnjährigen Julia Alveston, genannt Turtle, die hier mit ihrem Vater Martin lebt. Das gemeinsame Zusammenleben gestaltet sich – dies wird schon auf den ersten Romanseiten deutlich – dabei alles andere als idyllisch: geprägt wird es nicht nur durch äußere Verwahrlosung, sondern vor allem auch durch physische und psychische Gewalt. Waffen bilden so einen ebenso festen Bestandteil im Alltag der jungen Protagonistin, wie verschiedene Formen grausamer (Selbst-)Erniedrigung. Während der sadistische Vater seine Tochter tagsüber zu dubiosen Schießübungen und Abhärtungstechniken anhält, holt er sie nachts regelmäßig in sein Zimmer, um sich an ihr zu vergehen.

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Dass Turtle, die nie etwas anderes kennengelernt hat,  ihren brutalen aber charismatischen Vater dennoch keineswegs hasst, sondern im Gegenteil geradezu verehrt, zählt zu den bedrückendsten Aspekten des Romans. So hält Turtle die körperlichen Übergriffe und den Kontrollwahn des besitzergreifenden Martin nicht nur tatsächlich für einen Ausdruck echter Liebe, sondern übernimmt auch dessen frauenverachtende Weltsicht. „Luder“ oder „ungebildete kleine Ritze“ sind dabei nur einige der wenig schmeichelhaften Bezeichnungen, von denen Turtles Selbstbild bestimmt wird.

Ein Entkommen aus diesem abgeriegeltem Mikrokosmos aus Gewalt und Missbrauch scheint dabei kaum möglich. Fast völlig isoliert von der Außenwelt aufgewachsen, ist Turtle dem unheilvollen Einfluss ihres Vaters hilflos ausgeliefert. Jegliche Annäherungsversuche und Hilfsangebote von außen werden von ihr vehement abgeblockt, weder Lehrer noch Mitschüler lässt sie näher an sich herankommen.

Das ändert sich erst, als Turtle den gleichaltrigen Jacob kennenlernt. Aufgeschlossen, freundlich und gebildet scheint Jacob  – behütet aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie – das genaue Gegenteil von Turtle zu sein. Trotzdem – oder gerade deswegen – fühlen sich die beiden zueinander hingezogen. Aus einer ungewöhnlichen Freundschaft entwickelt sich so bald eine zaghafte Liebesbeziehung, die jedoch immer wieder auf die Probe gestellt wird. Denn je näher die beiden sich kommen, desto offensichtlicher wird die soziale Kluft, die sie trennt. Das wird vor allem für Turtle zur Herausforderung, die bei ihren Besuchen in Jacobs Elternhaus – in dem man sich lieber mit Literatur und gutem Wein statt mit Waffen beschäftigt – erstmals eine Ahnung davon erhält, wie sehr sich ihr bisheriges Leben von dem anderer Teenager tatsächlich unterscheidet. Dabei erinnert Tallents Protagonistin in dieser Geschichte einer komplizierten Liebe zwar zuweilen durchaus an eine moderne Aschenputtelfigur – doch wirklich märchenhaft ist hier am Ende natürlich nichts.

Denn zuhause wartet schließlich immer noch der übermächtige Vater – und der ist nicht bereit, seine Tochter, sein „Ein und Alles“, ohne Weiteres ziehen zu lassen. Als Turtle jedoch die eigenen Lebensumstände immer stärker zu hinterfragen und sich schrittweise aus der inzestuösen Beziehung zu befreien beginnt, eskaliert die Situation. Als ebenso rasanten wie brutalen Showdown – spätestens jetzt ahnt man, dass eine Verfilmung des Romans nicht lange auf sich warten lassen wird – inszeniert Tallent dabei den Entschluss des jungen Mädchens, sich den Weg in die eigene Freiheit mit allen Mitteln zu erkämpfen.

Auch wenn Gewalt und häuslicher Terror die Leitmotive des Erzählten bilden: Zu den Besonderheiten von Tallents Debüt zählt es, dass der Autor nicht nur auf Elemente des Psychothrillers zurückgreift, sondern immer wieder auch Ausflüge in scheinbar eher harmlosere Genres unternimmt. So präsentiert sich „Mein Ein und Alles“ mit seinen detaillierten Landschaftsbeschreibungen mal als ein opulentes Stück nature writing,  mal als klassische Coming-of-Age-Geschichte und im nächsten Moment als Abenteuerroman à la Huckleberry Finn. Das ist viel für einen einzigen Roman und nicht immer geht dieses Arrangement problemlos auf. Ebenso wie die zahlreichen Passagen, die sich mit dem Gebrauch diverser (Schuss-)Waffen beschäftigen, geraten die ausufernden Beschreibungen der von Turtle beherrschten Survival-Techniken – vom Fährtenlesen bis zum Feuermachen – dabei schon einmal etwas langatmig.

Regelrecht verstörend wirkt Tallents Detailfreude hingegen überall dort, wo es zu Angriffen auf die körperliche Unversehrtheit seiner Protagonisten kommt. Ob es sich dabei um die Amputation eines Fingers oder eine Vergewaltigung handelt: Tallent schont seine Leser nicht. So entwirft er Nahaufnahmen von brutalen Szenerien, deren Zeuge man lieber nicht geworden wäre. Auf dieser unmittelbaren Konfrontation mit dem Grauen, dem latenten Unbehagen angesichts der Zurschaustellung dessen, was sich sonst stets im Verborgenen abspielt, begründet sich dabei auch die ebenso paradoxe wie nachhaltige Wirkung des Romans: Denn während man beim Lesen einerseits selbst instinktiv den Drang verspürt sich abzuwenden, leidet man zugleich mit einer Protagonistin, deren Qualen nicht zuletzt deshalb überhaupt erst möglich werden, weil niemand in ihrem Umfeld bereit ist, richtig hinzusehen.

 

Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles. Penguin Verlag 2018. 480 Seiten. 24 Euro.